„Erst wenn […] das letzte Gewaltspiel auf dem Index steht, werdet ihr feststellen, dass ihr uns doch erziehen müsst.“

BesucherInnen lassen sich von Mitgliedern des Weltenwanderer Spielevereins einen Egoshooter zeigen

BesucherInnen lassen sich von Mitgliedern des Weltenwanderer Spielevereins einen Egoshooter zeigen

Gebannt lauschen die TeilnehmerInnen dem Vortrag von Cord Dette (ajs)

Gebannt lauschen die TeilnehmerInnen dem Vortrag von Cord Dette (ajs)

Dieses Zitat aus einer E-Mail eines Schülers an die GRÜNEN-Abgeordnete Grietje Bettin bringt Cord Dettes (Aktion Jugendschutz) Vortrag zur Frage nach Gewalt in Computerspielen auf den Punkt: alle Verbote und technischen Maßnahmen greifen zu kurz! Stattdessen sind Aufklärung, Erziehung und Bildung gefragt! Genau das ist das Anliegen der Veranstaltung „Spielplatz Computer“ (siehe Post vom 08. August 2012). Partner der Aktion waren die Fachstelle Medien, die Aktion Jugendschutz (ajs), die katholische Erwachsenenbildung Ravensburg e.V. und das Institut für soziale Berufe in Ravensburg. Tatkräftige Unterstützung gab es vom Weltenwanderer Spieleverein e.V.. Und so haben sind rund 80 Eltern, Pädagogen, Kinder und Jugendliche am vergangenen Wochenende in Ravensburg informiert, diskutiert und sich (zum Teil) selbst an die Spiele gewagt.

Bastian Kraus diskutiert mit Eltern und Pädagogen über Computerspielesucht

Bastian Kraus diskutiert mit Eltern und Pädagogen über Computerspielesucht

Die Frage nach Computerspielesucht beschäftigte – derzeit vielleicht v.a. durch Manfred Spitzer angeheizt – die Anwesenden. Bastian Kraus (Medienpädagoge am Institut für Soziale Berufe, Ravensburg) wehrte sich in seinem Vortrag gegen die oft platten Darstellungen, denn die Forschung könne hierzu nicht besonders viel Eindeutiges verkünden. Es gebe eigentlich gar kein anerkanntes Krankheitsbild zur Computer-Spiel-Sucht. Die Kriterien für eine Diagnose seien im Grunde anderen Süchten entlehnt (also z.B. Entzugserscheinungen bei verhinderter Computerspielnutzung oder fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen oder Interessen). Es gäbe durchaus bestimmte Risikofaktoren. Allerdings seien diese zumeist außerhalb des Spiels und zeitlich vorgelagert zu suchen, z.B. wären „Computerspiel-Süchtige“ bereits vor ihrem exzessiven Spielkonsum sozial isoliert.

Cord Dette (ajs) ist überzeugt, dass auch eine positive Deutung von Gewalt möglich ist

Cord Dette (ajs) ist überzeugt, dass auch eine positive Deutung von Gewalt möglich ist

Heiße Diskussionen entfachten sich auch an Cord Dettes Vortrag. Er vertrat die These, dass es erstens alles andere als eindeutig sei, was als „Gewalt“ bezeichnet werden kann – denn Gewalt wird im Allgemeinen von den negativen Folgen für eine andere Person her verstanden und dies sei bei einem virtuellen Kampf in Computer-Spielen ja nicht gegeben. Dette übertrug Katharina Inhetveens These von der „geselligen Gewalt“ auf Hardcorekonzerten, nämlich dass Gewalt auch sozial produktiv wirken kann, auf die Situation in sog. Killerspielen: wenn „Gewalt“ in einem Rahmen mit regulierenden Elementen stattfindet, eine Abgrenzung zur Alltagswelt und Aspekte von Ritual und Spiel vorhanden sind, und schließlich das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund steht, ist die erlebte und ausgeübte „Gewalt“ durchaus positiv zu sehen.

Wichtig sei aber die Fähigkeit der Spielenden zur Grenzziehung, also bewusst in diesen Rahmen ein- und wieder aussteigen zu können. Und diese Fähigkeit kann erlernt werden, so sein Credo. Genau an dieser Stelle müsse Erziehung und Bildung, Eltern und Schule, greifen! Es bleibe eine pädagogische Aufgabe, aus der die Erwachsenenwelt nicht entlassen werden kann, wie es das obige Zitat treffend zuspitzt!

Und doch schien mir hier in der Erziehungspraxis eine ganz andere Strategie die vorherrschende zu sein: Vermeiden und Verbot. Nur wenige der anwesenden Eltern und Pädagogen ließen sich auf die angebotenen Spiele ein – „bei uns gibt’s keine Ballerspiele!“ … das galt amüsanterweise sogar für „Moorhuhn“. Dass die meisten Erwachsenen doch lieber auf dem „sicheren Terrain“ der Diskussion verbleiben wollten, war letztlich aber doch mindestens für die Diskussion mit den Medienpädagogen und Referenten nicht von Nachteil: so konnten viele, fruchtbare Gespräche und Diskussionen entstehen. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung der Veranstaltung am 24.November in Ludwigsburg!

Teilnehmer probieren ein Spiel aus

Teilnehmer probieren ein Spiel aus

Vor allem die Kinder trauen sich intuitiv und mit Begeisterung an die Spiele heran.

Vor allem die Kinder trauen sich intuitiv und mit Begeisterung an die Spiele heran.

Die Präsentationen der Vorträge im PDF-Format zum Herunterladen:
Vortrag_Computerspielsucht_[BastianKraus_InstitutSozBerufe-RV]
Vortrag „Gewalt in Computerspielen“ [CordDette_ajs]
Vortrag „Faszination-Computerspiele“ [ChristinaSick_FachstelleMedienDRS]
Vortrag „Spielegenre und Alterskennzeichung“ [CordDette_ajs]

Das Programm von Ravensburg spielt:
http://www.ravensburg.de/rv-wAssets/docs/tourismus/RV-Spielt_Programm_2012.pdf

Die Veranstaltung wurde auf Radio7  vorab angekündigt – wenn auch mit eindeutiger Tendenz. Nachzuhören unter:
http://www.radio7.de/~run/news/142850/online-rollenspiele-im-visier

Weitere Informationen zur Aktion:
www.spielplatz-computer.info

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